das atelier als laboratorium

der offene prozess: synchronizität zwischen
abstrakter malerei und leben

Abstrakte Malerei ist ein faszinierendes Feld voller Farben, Formen und Gefühle. Sie ist ein Ort, an dem die echte Welt und unsere Vorstellungskraft verschmelzen und uns Raum zum Ausdrücken und Nachdenken geben. Aber was macht sie so besonders und wie beeinflusst sie Künstler und Künstlerinnen?

Künstlerische Freiheit

Das Besondere an abstrakter Malerei ist die Freiheit sich auszudrücken. Im Gegensatz zu Bildern, die reale Dinge zeigen, ist abstrakte Kunst nicht an die Wirklichkeit gebunden. Auf Leinwand oder Papier können wir unsere Gedanken, Gefühle und Eindrücke mit reinen Farben und Formen ausdrücken. Das ist ein kreativer Prozess, bei dem nichts den Pinselstrich leitet. Stattdessen gibt es einen offenen Weg der Freiheit, der uns ermutigt, unsere tiefsten Gefühle und Ideen zu zeigen.

Abstrakte Kunst ist aber mehr als nur ein Spiel mit Farben und Formen. Sie spricht eine Sprache, die jeder verstehen kann, unabhängig von Kultur oder Sprache. Die Sprache der Farben, die Kraft von Formen und Strukturen – all das lässt abstrakte Kunst bei den Betrachtern Gefühle wecken. Es ist ein Gespräch zwischen dem Bild und dem Betrachter, bei dem jeder seine eigenen Deutungen und Erfahrungen einbringt.

Diese Freiheit in der abstrakten Kunst erlaubt uns, uns tief mit unserem Inneren zu verbinden. Beim Malen können Gefühle herauskommen, die sonst vielleicht verborgen blieben. Das ist wie eine Reinigung, die uns hilft, uns selbst zu erforschen und auszudrücken.

Diese Freiheit bedeutet aber nicht, dass abstrakte Kunst ohne Plan oder Struktur entsteht. Viele abstrakte Künstler arbeiten sehr bewusst, auch wenn ihre Werke auf den ersten Blick spontan wirken. Sie probieren verschiedene Techniken, Materialien und Stile aus, um den Ausdruck zu finden, der am besten zu ihrer Vorstellung passt.

In dieser Freiheit liegt die eigentliche Magie der abstrakten Kunst. Sie fordert uns auf, unsere Grenzen zu überwinden, Neues zu wagen und uns auf das Unbekannte einzulassen.

Der kreative Prozess im Fluss

Bei der abstrakten Malerei geht es darum, Intuition und Technik in Einklang zu bringen, zu kontrollieren und loszulassen. Anders als bei anderen Kunstformen, bei denen man oft ein bestimmtes Ziel vor Augen hat, ist der kreative Prozess in der abstrakten Kunst weniger berechenbar. Er ist eher wie ein Fluss von Ideen, der uns auf eine Entdeckungsreise mitnimmt.

In der abstrakten Malerei gibt es keine falschen Entscheidungen. Jeder Strich, jede Farbmischung, jede Linie gehört zum Bild. Es geht nicht darum, etwas Bestimmtes darzustellen oder eine Geschichte zu erzählen, sondern darum, Gefühle zu wecken und eine Stimmung zu schaffen, die Menschen berührt.

Das Malen in der abstrakten Kunst ist oft spontan und aus dem Moment heraus. Man beginnt mit einer leeren Leinwand und lässt sich vom Bauchgefühl leiten. Dabei können unerwartete Probleme auftauchen, die man lösen muss. Es gehört Mut dazu, sich auf das Unbekannte einzulassen und neue Wege des Ausdrucks zu finden. Gerade in unsicheren Momenten steckt oft die grösste kreative Kraft.

Der kreative Prozess in der abstrakten Malerei bedeutet auch, loszulassen und zu vertrauen. Man gibt sich dem Moment hin und folgt seinem Instinkt, ohne sich von Zweifeln oder Erwartungen aufhalten zu lassen. Man ist ganz im Tun und Erschaffen.

Hans Hartung hat dieses Spiel zwischen Spontaneität und Genauigkeit gut beschrieben. Als Kind versuchte er, Blitze mit dem Stift einzufangen – die Dringlichkeit der Spontaneität wurde zu seinem Lebensnerv. Aber er wusste auch: „Man muss ein gutes Gefühl für die Richtung haben. Dann kommt der Moment, in dem nichts schiefgehen darf […]. Entweder man vermasselt es oder es gelingt.“ Das ist die Kunst des offenen Prozesses: sich treiben lassen können, aber voll da sein.

Franz Gassner beschreibt diesen endlosen Prozess poetisch: „Plötzlich wächst ein Bild aus dem anderen und dieser Prozess hört nie auf. Für mich sind Bilder eine Verdichtung des Lebens und ein abstraktes Bild ist die Summe von Erfahrungen.“ Das Bild entsteht nicht nach einem festen Plan, sondern ist das Ergebnis von Erlebtem und Gefühltem.

Am Ende steht ein Kunstwerk, das nicht nur zeigt, was man kann, sondern auch ein Spiegel der eigenen Seele und Erfahrungen ist. Es drückt Gefühle, Gedanken und Ideen aus, die man oft schwer in Worte fassen kann. Aber gerade in dieser Vielschichtigkeit und Tiefe liegt die wahre Schönheit und Bedeutung der abstrakten Kunst.

Die Leinwand als Partner: Der Dialog des Malens

Leinwand und Farbe sind wie Gesprächspartner. Nach vielen Jahren Malerei weiss ich: Die Leinwand täuscht dich nicht. Aber sie ist auch kein Spiegel, der dir nur zeigst, wer du bist. Sie ist dein Gegenüber in einem Gespräch.

Wenn man abstrakt malt, ist das kein einfaches Drauflospinseln. Du fängst ohne festes Ziel an, aber du bist ganz bei der Sache. Du nimmst eine Farbe, nicht weil sie besonders schön ist, sondern weil sie gerade an der Reihe ist. Du reagierst auf das, was schon da ist: Wie die Farbe läuft, wie schnell sie trocknet, wie sie mit anderen Farben zusammenwirkt, ob sie deckt oder durchscheint. Du hörst auf, die Leinwand vollzumachen, und fängst an, ihr zuzuhören.

Jedes gute abstrakte Bild hat eine hässliche Phase. Du hast etwas aufgebaut, es sah gut aus, und dann hast du eine Entscheidung getroffen, die alles zunichte gemacht hat. Die Farben sind matschig, die ganze Anordnung zerfällt. Es sieht aus wie eine Ruine. Viele, die malen, hören hier auf. Aber wer weiterarbeitet, weiss: Das ist der entscheidende Punkt. Erst wenn das Bild «kaputt» ist, kann der Prozess richtig beginnen. Dann gibt es nichts mehr zu verlieren, und du kannst frei spielen. Du malst darüber, kratzt etwas weg, lässt Reste von dem durchscheinen, was vorher da war – und plötzlich entsteht eine Tiefe, die du dir nie hättest vorstellen können.

Ich sehe mich nicht als Künstlerin, die ihre Ideen durchdrückt. Ich bin die Erste, die agiert. Ich setze einen roten Punkt. Die Leinwand antwortet mit ihrer Trocknungszeit, wie sie die Farbe aufnimmt, mit dem Licht, das darauf fällt. Ich reagiere mit Blau. Sie antwortet mit einem unerwarteten Violett dort, wo die Farben sich treffen. Dieser Ablauf – eine Aktion, eine Reaktion, eine Pause, dann wieder eine Aktion – das ist die eigentliche Harmonie. Du erschaffst nicht, du begegnest.

Paul Klee hat das gut gesagt: „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.“ Durch das abstrakte Malen können wir Dinge sehen, die vorher verborgen waren – eine Stimmung, eine Struktur, eine Energie.

Und Franz Marc, einer der Begründer der abstrakten Kunst, hat diese Sehnsucht nach einer tieferen Wahrheit so ausgedrückt: „Wir werden nicht mehr den Wald oder das Pferd malen, wie sie uns gefallen oder scheinen, sondern wie sie wirklich sind, wie sich der Wald oder das Pferd selbst fühlen, ihr absolutes Wesen, das hinter dem Schein lebt, den wir nur sehen.“ Für Marc war dieser offene Prozess beim Malen also eine Art Befreiung – ein Versuch, die Welt selbst sprechen zu lassen.

Robert Hammerstiel ergänzt: „Kunst ist Ordnung des Seins und seiner Dinge. Sie vergeistigt unser erbärmliches Dasein.“ Sie ist eine Notwendigkeit, die dem Leben Tiefe gibt.

die leinwand lügt nicht. aber sie ist auch nicht dein spiegel - sie ist dein partner im dialog

Das Malen und das Leben

Abstrakte Kunst zeigt uns nicht nur, wie etwas entstehen kann, sondern ist auch ein gutes Beispiel dafür, wie das Leben selbst funktioniert. So wie das Malen auf einer leeren Leinwand ist auch das Leben eine Reise, bei der wir entdecken und erforschen, ein ständiges Fliessen von Möglichkeiten.

Genau wie in der abstrakten Kunst gibt es im Leben keine festen Regeln. Jeder Tag ist eine neue Fläche, auf der wir unsere Gedanken, Gefühle und Taten ausdrücken können. Es liegt an uns, wie wir diese Fläche gestalten und welche Farben und Formen wir wählen.

Wie in der abstrakten Kunst geht es auch im Leben darum, sich dem Moment hinzugeben und auf seinen Instinkt zu hören. Es bedeutet, die Kontrolle loszulassen und sich dem Unbekannten zu öffnen, auch wenn es manchmal Angst macht oder unsicher ist.

Wie in der abstrakten Kunst können im Leben unerwartete Probleme auftreten. Es braucht Mut und Entschlossenheit, sich ihnen zu stellen und neue Wege zu finden. Aber gerade in diesen Momenten der Unsicherheit liegt oft die grösste Entwicklung.

Wie in der abstrakten Kunst ist auch im Leben der kreative Prozess oft spontan. Wir können Pläne machen, aber am Ende sind es die unerwarteten Wendungen, die unser Leben wirklich prägen.

Harmonie entsteht nicht, wenn du das Leben so formst, wie du es dir vorstellst. Sie entsteht, wenn du deine Vorstellung loslässt und fragst: Was will hier gerade entstehen? – und dann den Mut hast, den nächsten Schritt zu tun, ohne zu wissen, ob es ein Fehler wird.

Wie in der abstrakten Kunst ist auch im Leben nicht immer das Endergebnis das Wichtigste. Es geht nicht darum, perfekt zu sein oder Erwartungen zu erfüllen, sondern darum, authentisch zu sein. Es geht darum, den Moment zu leben und das Leben in all seiner Vielfalt zu geniessen.

Synchronizität zwischen Künstlerin und Betrachter

Wenn man abstrakte Kunst betrachtet, gibt es oft eine besondere Verbindung zwischen dem Künstler und dem Betrachter. Bei gegenständlicher Kunst ist meist klar, was gemeint ist. Abstrakte Kunst fordert uns aber heraus, selbst nach Bedeutung zu suchen.

In der abstrakten Kunst gibt es keine klare Geschichte oder erkennbaren Dinge, die uns leiten. Stattdessen lädt uns das Bild ein, selbst auf Entdeckungsreise zu gehen und eigene Verbindungen zu finden. Es ist ein Prozess, bei dem die Grenzen zwischen Künstler und Betrachter verschwimmen.

Weil abstrakte Kunst so zusammenwirkt, können Betrachter eine tiefere Verbindung zum Werk spüren und ihre eigene Kreativität nutzen. Es ist ein Austausch zwischen Bild und Mensch, bei dem jeder seine Erfahrungen und Gefühle einbringt und das Bild dadurch ganz neu sieht.

Diese Verbindung macht abstrakte Kunst zeitlos und verständlich für alle. Sie überwindet kulturelle und sprachliche Unterschiede, sodass Menschen aus ganz verschiedenen Welten sich verbinden und ähnliche Dinge erleben können.

Allerdings bedeutet das Zusammenspiel auch, dass es keine einzige richtige Deutung gibt. Jeder Mensch bringt eigene Erfahrungen mit, die beeinflussen, wie er das Kunstwerk wahrnimmt. Diese Vielfalt und Offenheit für verschiedene Sichtweisen macht abstrakte Kunst so besonders und spannend.

Die Magie der abstrakten Malerei liegt darin,
dass sie uns dazu ermutigt, das Unmögliche zu erkunden
und die Grenzen der Vorstellungskraft zu überwinden.

Der letzte Pinselstrich

Dein Leben ist nicht das fertige Bild. Dein Leben ist das, was du gerade tust, um es zu malen.

Die Verbindung zwischen abstrakter Malerei und deinem Alltag ist nichts Abstraktes. Es ist etwas Praktisches. Es ist die Fähigkeit, mit Unsicherheit zu leben, ohne die Fassung zu verlieren. Es ist die Fähigkeit, auch im Chaos noch etwas Schönes zu sehen. Es ist die Fähigkeit, sich vom Leben überraschen zu lassen – und dabei deinen eigenen Stil zu finden.

Die Leinwand braucht kein Meisterwerk. Sie braucht dich, hier und jetzt. Und dein Leben? Es wartet nicht darauf, dass du es endlich «perfekt» machst. Es wartet darauf, dass du es wirklich lebst, ohne zu wissen, was als Nächstes kommt.

Wassily Kandinsky hat seinen Schülern diesen guten Rat gegeben: «Höre gut auf Musik, öffne deine Augen für die Malerei. Und denk nicht nach.» Das ist vielleicht der beste Weg, um den Fluss und die Verbindung zu finden, nach der du suchst.

zum Schluss…

Abstrakte Malerei ist mehr als nur Farbe und Form. Sie ist eine Reise des kreativen Ausdrucks, eine universelle Sprache der Gefühle und eine Verbindung zwischen Künstler und Betrachter.

Durch abstrakte Kunst lernen wir, dass Kreativität kein festes Konzept ist, sondern ein offener Weg des Entdeckens. Es ist eine Reise, die uns ermutigt, über uns hinauszuwachsen und neue Wege zu denken und zu fühlen.

Abstrakte Kunst fordert uns auf, unseren Kopf und unser Herz zu öffnen. Sie lädt uns ein, unserer Intuition zu folgen. Es ist ein Vertrauensvorschuss, der uns hilft, unsere innersten Gefühle und Gedanken zu erforschen und auszudrücken.

Letztendlich ist abstrakte Kunst eine Quelle der Inspiration und Veränderung. Sie fordert uns auf, mutig zu sein und zu uns selbst zu stehen, ohne Angst vor Kritik. Sie erinnert uns daran, dass Schönheit im Auge des Betrachters liegt .

In einer Welt, die oft gleichförmig ist, erinnert uns die abstrakte Kunst daran, dass jeder von uns einzigartig ist und dass diese Einzigartigkeit eine Stärke ist. Sie erinnert uns daran, dass wir alle Gestalter unseres eigenen Lebens sind und die Macht haben, unsere Realität zu formen.

Erkunden wir also weiter die Magie der abstrakten Kunst – Schritt für Schritt, Atemzug für Atemzug, ohne zu wissen, wohin es führt…